Nachgefragt: Carsharing und der neue Carsharing-Rechner
Im Interview spricht Dominik Bommer, unser Wirtschaftsreferent und Produktverantwortlicher für Carsharing, über den neuen Carsharing-Rechner und seine Funktionen.
Unser neuer Carsharing-Rechner ist seit dem 22.07.2026 online. Von der ersten Idee bis zur Umsetzung war Dominik Bommer als Projektverantwortlicher maßgeblich an der Entwicklung beteiligt. Im heutigen Interview beantwortet er uns alle Fragen rund um das Thema Carsharing und den neuen Rechner.
Dominik, gewinnt Carsharing in Düsseldorf aktuell an Bedeutung?
Auf jeden Fall! Ein Blick auf die Entwicklung der vergangenen Jahre zeigt, dass die Zahl der Carsharing-Fahrzeuge auf unseren Straßen kontinuierlich gestiegen ist. Auch der Bundesverband Carsharing veröffentlicht regelmäßig ein Städteranking, in dem Düsseldorf in den vergangenen Jahren Plätze gutmachen konnte. Hier ist vor allem das Angebot an Free-Floating-Fahrzeugen stark gewachsen. Gleichzeitig gewinnt das stationsbasierte Carsharing weiter an Bedeutung, etwa durch neue Stationen und die Einbindung in Mobilitätsstationen.
Eine Besonderheit in Düsseldorf ist, dass MILES als Free-Floating-Anbieter zusätzlich feste Stellplätze an Mobilitätsstationen nutzt. So verbinden wir flexible Nutzung im Stadtgebiet mit verlässlichen Standorten. Das ist wichtig, weil beide Carsharing-Varianten unterschiedliche Bedürfnisse bedienen. Free-Floating ist vor allem für spontane, kurze Fahrten attraktiv, stationsbasiertes Carsharing eher für planbare Fahrten oder längere Buchungen. Nicht zuletzt funktioniert diese Entwicklung so gut, weil wir mit den Anbietern cambio und MILES eng zusammenarbeiten und uns sowohl beim Ausbau der Infrastruktur als auch in der Kommunikation gegenseitig unterstützen.
Welche Rolle spielt Carsharing im Mobilitätsmix einer modernen Stadt?
Carsharing ergänzt den bestehenden Mobilitätsmix überall dort, wo ein eigenes Auto nicht zwingend notwendig ist, andere Angebote aber nicht ganz ausreichen. Es ist eine flexible Lösung für Strecken, die sich zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem E-Scooter nur schwer zurücklegen lassen.
Vor allem reduziert Carsharing die Abhängigkeit vom eigenen Auto. Heute lassen sich Carsharing-Fahrzeuge nicht nur für kurze Fahrten nutzen, sondern auch für mehrere Tage, etwa für Wochenendausflüge oder Urlaubsreisen.
Und manchmal geht es auch einfach um Komfort und auch das ist völlig in Ordnung. Zum Beispiel, wenn ich spontan zum Bahnhof fahren, einen Großeinkauf erledigen oder One-Way zum Restaurant oder Konzert fahren möchte.
Warum lohnt es sich, die Kosten des eigenen Autos einmal genauer zu betrachten?
Viele Menschen unterschätzen die tatsächlichen Kosten eines eigenen Fahrzeugs. Ein Auto steht einen sehr großen Teil seiner Lebenszeit ungenutzt auf einem Stellplatz. Zahlen des Umweltbundesamtes schätzen, dass ein privater Pkw durchschnittlich nur eine Stunde am Tag bewegt wird, also 23 Stunden nur „rumsteht“. Aber trotzdem verursacht es Kosten. Der Restwert des Fahrzeugs sinkt, Versicherungen müssen bezahlt werden, Wartung und Pflege fallen an. Viele dieser Kosten werden gar nicht bewusst wahrgenommen, weil sie nur einmal jährlich oder in größeren Abständen bezahlt werden. Genau deshalb fehlt häufig der Überblick darüber, was das eigene Auto tatsächlich kostet.
Umgekehrt gibt es erstaunlich viele Missverständnisse und fehlendes Wissen rund um Carsharing. Ich werde zum Beispiel regelmäßig gefragt, ob man ein Fahrzeug nach einer Fahrt auf eigene Kosten wieder betanken oder aufladen muss. Dieser Irrglaube stammt vermutlich vom klassischen Mietwagensystem, bei dem man ein Auto üblicherweise vollgetankt übernimmt und auch wieder vollgetankt zurückgeben muss. Beim Carsharing ist das in den Tarifen bereits inkludiert.
Wie entstand die Idee für den Carsharing-Rechner?
Die Idee entstand aus einem Gespräch mit einem Kollegen. Er wollte am Wochenende von Düsseldorf nach Köln fahren. Ein Carsharing-Fahrzeug hätte ihn rund 50 Euro gekostet. Sein erster Gedanke war „Das ist viel zu teuer“. Daraufhin habe ich eine recht simple Excel-Tabelle erstellt, welche die Kosten bei der gleichen Fahrt mit einem eigenen Auto gegenübergestellt hat. Schon dabei wurde deutlich, dass die Unterschiede gar nicht so groß waren, wie sie auf den ersten Blick wirkten. Aus dieser ersten Excel-Lösung entwickelte sich Schritt für Schritt die Idee eines umfassenderen Rechners.
Warum ist er so umfangreich geworden oder anders gefragt, welche Faktoren fließen in die Berechnung ein?
Carsharing-Tarife unterscheiden sich je nach Anbieter und Stadt erheblich und sind teilweise sehr komplex. Es gibt Minuten-, Stunden-, Tages- und Wochentarife für unterschiedliche Fahrzeugklassen und je nach Anbieter auch verschiedene Tariflogiken. Gerade Free-Floating-Anbieter arbeiten zudem teilweise mit dynamischem Pricing. Das bedeutet, dass Preise nicht immer fest sind, sondern sich je nach Zeitpunkt, Nachfrage, Fahrzeugverfügbarkeit oder Standort verändern können. Auch das macht eine allgemeingültige Berechnung schwieriger. Zudem sind Pkw-Daten sehr individuell und werden durch vielerlei Faktoren beeinflusst. Zu den größten gehören der Wertverlust des Fahrzeugs und die jährliche Fahrleistung. Als Grundlage haben wir daher Fahrzeugsegmente wie Kleinwagen, Mittelklasse oder Oberklasse definiert und dafür standardisierte Werte für Versicherungen, Steuern, Verbräuche und mehr hinterlegt. Diese stammen größtenteils vom ADAC und basieren auf validierten Daten. Gleichzeitig war uns wichtig, dass der Rechner viele Möglichkeiten der Individualisierung hat. Wer beispielsweise niedrigere Versicherungskosten hat als im Rechner hinterlegt, kann diese einfach selbst ändern. Die voreingestellten Werte dienen somit lediglich als Orientierung.
Carsharing-Rechner-Modell: Eigenes Auto vs. Carsharing
Was unterscheidet den Rechner von bisherigen Aussagen zum Thema Carsharing?
Häufig wird behauptet, dass sich Carsharing bis zu einer jährlichen Fahrleistung von etwa 12.000 Kilometern lohnt. Als grobe Orientierung kann das hilfreich sein, als allgemeingültige Aussage greift es aber zu kurz. Denn ob sich Carsharing lohnt, hängt von zahlreichen individuellen Faktoren ab. Genau hier setzt unser Rechner an. Er ersetzt pauschale Aussagen durch eine individuelle Berechnung auf Basis der persönlichen Situation. So wird transparent, welche Faktoren das Ergebnis beeinflussen und ab wann Carsharing im Vergleich zum eigenen Auto finanziell interessant sein kann. Neutral, nachvollziehbar und möglichst realitätsnah.
Expertenmodus: Hier könnt ihr die voreingestellten Kosten eurer eigenen Autos im Detail personalisieren
Für wen ist der Carsharing-Rechner besonders interessant?
Der Rechner richtet sich vor allem an Menschen, die ihre Mobilitätskosten bewusst betrachten möchten. Das können Personen sein, die kostenbewusster unterwegs sein möchten und prüfen wollen, ob Carsharing eine passende Alternative für ihren Alltag sein kann. Interessant ist der Rechner aber auch für diejenigen, die vor der Entscheidung stehen, sich ein neues Auto anzuschaffen oder künftig ganz auf ein eigenes Auto zu verzichten. Gerade in solchen Situationen hilft der Rechner dabei, die finanziellen Auswirkungen besser einzuschätzen. Carsharing ist vor allem dann ein sinnvoller Baustein, wenn es mit Bus, Bahn, Fahrrad oder Fußwegen kombiniert wird und dadurch ein eigenes Auto seltener genutzt oder vielleicht sogar ganz ersetzt werden kann. Daneben spielt für viele Menschen auch Nachhaltigkeit eine Rolle.
Beispiel Kostenvergleich eigenes Auto vs. Carsharing nach Jahresfahrleistung im Carsharing-Rechner
Gibt es denn typische Zielgruppen für Carsharing?
Grundsätzlich profitieren vor allem Personen, die vergleichsweise wenig fahren und in einer Stadt wie Düsseldorf wohnen. Denn hier ist das Angebot an Carsharing-Fahrzeugen gut ausgebaut und die Verfügbarkeit entsprechend hoch. Denn letztendlich entscheidet auch der Komfort. Wenn ich „um die Ecke“ ein Auto ausleihen oder abstellen kann, ist es natürlich deutlich attraktiver. Das war im Übrigen ein weiterer Grund für das Tool und eine echte Neuerung. Unser Rechner bietet Nutzer*innen die Möglichkeit, sich einen Carsharing-Standort zu wünschen. Diese Informationen helfen uns bei der Planung zukünftiger Mobilitätsstationen und weiterer Carsharing-Stellplätze. So bekommen wir ein besseres Gefühl dafür, wo der Bedarf besonders groß ist.
Welche Botschaft möchtest du unseren Leser*innen zum Schluss mitgeben?
Testet unseren Carsharing-Rechner einfach mal und schaut selbst, wie es um die Wirtschaftlichkeit eures eigenen Pkw bestellt ist. Und an alle diejenigen, die Carsharing noch nie genutzt haben: Probiert es doch einfach einmal aus! Vielleicht passt es besser in den eigenen Alltag, als man zunächst denkt.